Hochwasserschutz durch Miscanthus
Wie wir alle in den letzten Jahren erlebt haben, nehmen Starkregenereignisse und daraus resultierende Hochwasser durch den voranschreitenden Klimawandel in ihrer Häufigkeit und Intensität zu. Nicht nur wir Menschen sind unmittelbar in der Natur mit unseren Orten und Häusern mit Gärten, in denen wir leben, betroffen, sondern auch die landwirtschaftlichen Flächen. Neben Schäden an Bebauungen können auf landwirtschaftlichen Flächen erhebliche Ernteausfälle und Erosionen entstehen.
Extremwetter-Ereignisse wie das Flutereignis 2021 können nicht verhindert werden – auch nicht mit gigantischen technischen Hochwasserschutzmaßnahmen! Den Folgen der Ereignisse kann aber durch resiliente Maßnahmen vorgebeugt oder das Ausmaß zumindest deutlich abgeschwächt werden!
Ein Mosaikstein von vielen verschiedenen Maßnahmen stellt die Etablierung einer mehrjährigen Ackerkultur dar – des Nachwachsenden Rohstoffs Miscanthus × giganteus (Chinaschilf).
Dieses schilfartige Süßgras bietet für die Bevölkerung und deren Bebauungen, für die Landwirte und deren Ackerflächen einen wirksamen und natürlichen Starkregenschutz.
Starkregenereignisse und Miscanthus
Bei Starkregenereignissen fällt mitunter so viel Niederschlag auf den Boden, dass der Niederschlag nicht versickern kann und somit oberflächennah abfließt. Der gesättigte Boden kann bei zu wenig Bodenbedeckung abgetragen werden und wie Schlammlawinen bei minimalem Gefälle in Richtung Ortschaften fließen. Um dem vorzubeugen bzw. dies abzuschwächen könnte Miscanthus auf den Flächen rund um Ortschaften angebaut werden. Starkregenereignisse laufen immer gleich ab mit unterschiedlicher Intensität – das Wasser sucht sich seinen Weg. Diese sogenannten Fließwege gilt es zu unterbrechen.
Oberflächenwasser-Ablaufhemmer
Miscanthus wirkt dabei wie ein Oberflächenwasser-Ablaufhemmer. Während bei Grünlandflächen, meistens mit Grasbewuchs, das Wasser über die Fläche rauscht, bei Ackerkulturen bspw. Aussaaten weggespült oder Kulturen beschädigt und zerstört werden sowie Ernteausfälle drohen, bleibt Miscanthus stehen. Im Miscanthus-Bestand schiebt sich die natürliche Mulchschicht durch das Wasser zusammen, das Wasser wird in der Fläche ausgebremst, also zurückgehalten und hat mehr Zeit in den Boden zu versickern.
Geeignete Flächen für den Anbau
Besonders bieten sich starkregen- oder erosionsgefährdete, ackerbaulich ungeeignete, z.B. nie nachhaltig wirtschaftlich nutzbare Flächen für eine Pflanzung von Miscanthus ab. Ebenso topografisch gefährdete Flächen wie solche mit Gefälle zu Bächen, Flüssen oder Bebauungen. Auch der Schutz für andere umliegende Flächen kann somit ermöglicht werden. Durch
die Etablierung von Miscanthus bleibt die Nutzung der Fläche ohne Verlust bestehen und es kann gesichert jährlich im Frühjahr geerntet werden, da Starkregen dem Miscanthus nichts anhaben kann.
Kooperation mit Forschungsprojekt
Die Gemeinde Weilerswist soll sich weiterhin in Kooperation mit dem Forschungsprojekt MisKaRe der Universität Bonn und den lokalen Landwirten dafür einsetzen, dass Pflanzungen von Miscanthus vorgenommen werden und sich dabei zur Modellkommune entwickeln. Damit soll eine schnell umsetzbare und geförderte Maßnahme als Beitrag zum Hochwasserschutz unterstützt werden, um so als Eigentums-, Objekt- und Infrastrukturschutz möglichen Schäden durch Starkregenereignisse vorzubeugen bzw. diese abzuschwächen.
Wissenschaftliche Begleitung
In dem Forschungsprojekt MisKaRe innerhalb der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn geht es u.a. darum, neue Miscanthus-Flächen im Erft Einzugsgebiet zu etablieren. Weitere Flächen für den gezielten Miscanthusanbau werden gesucht.
Forschungsrelevante Messungen wie u.a. Starkregensimulationen und Infiltrationsmessungen auf etablierten Miscanthusflächen werden durchgeführt. Vergleichsmessungen werden auf einjährigen Ackerkulturen und Dauergrünland vorgenommen. Die am Versuchsstandort Campus Klein-Altendorf anfallende Biomasse wird geerntet und in langlebige recyclingfähige Produkte umgewandelt.
Miscanthus bietet viele Nutzungsmöglichkeiten:
- als Zellstoff für die Papier- und Verpackungsindustrie bspw. als Toilettenpapier
- als Rohstoff in der Bauindustrie für Dämmstoffe
- als Tierstreu wie Pferdeeinstreu
- als Brennmaterial in der Energiewirtschaft in Häcksel- und Pelletheizungen
- im Gartenbau und in der Landwirtschaft:
- als Mulchmaterial bspw. im Erdbeeranbau
- als Pflanzsubstrat
Der Nachwachsende Rohstoff, erfreut sich einer steigenden Nachfrage, hat großes wirtschaftliches Potenzial und kann zur Förderung landwirtschaftlicher und wirtschaftlicher Resilienz beitragen.
Förderung durch den Kreis Euskirchen
Der Kreis Euskirchen fördert im Rahmen des Projektes Land4Climate in dem Partnerschaftsaufruf den Miscanthus-Anbau im Kreisgebiet als Maßnahme zur Klimawandelanpassung auf landwirtschaftlichen Eigentumsflächen und Pachtflächen. Unter Angabe einer klimawandelbedingten Betroffenheit bzw. Eignung der Fläche wie bspw. Erosion oder Starkregen wird nach Prüfung durch den Kreis ein Kooperationsvertrag abgeschlossen. Da es sich bei Miscanthus um eine mehrjährige Kultur handelt ist es notwendig eine Mindeststandzeit von 12 Jahren zu gewährleisten. Durch den Kreis werden Kosten für das Pflanzgut (Rhizome), für die Pflanzung durch ein externes Unternehmen, sowie für die Pflegemaßnahmen in der Etablierungsphase und die Ernte, die ebenfalls durch ein externes Unternehmen abgewickelt wird übernommen. Die geerntete Biomasse gehört natürlich den Landwirten. Nach Absprache mit dem Fördermittelgeber muss als einzige Vorleistung eine fachgerechte Saatbettbereinigung vor der Pflanzung durch die Landwirte vorgenommen werden.
Miscanthus – die Dauerkultur bietet für Landwirte weitere Vorteile
Das schnell wachsende Süßgras ist anspruchslos im Anbau, benötigt kaum bis keine Pflanzenschutzmittel, ist mehrjährig, nicht invasiv, kann als Dauerkultur über mindestens 20 Jahre stehen bleiben, trägt zur Bodenverbesserung und zum Bodenschutz bei, u.a. durch Humusaufbau. Zudem betreibt Miscanthus aktiv Klimaschutz. Pro Hektar und Jahr speichert es bis zu 30 Tonnen CO2. Desweiteren dient die Dauerkultur der Förderung der Biodiversität und als Rückzugsgebiete für Tiere.
Erste Pilotfläche im Kreis Euskirchen in Weilerswist gepflanzt
Eine erste Pilotfläche wurde in Weilerswist-Ottenheim im Mai 2025 angelegt. Weitere Flächen in der Gemeinde Weilerswist könnten hinzu kommen. Mit der Unterstützung der Politik vor Ort in Zusammenarbeit mit dem Forschungsprojekt und den lokalen Landwirten kann so effektiv und kurzfristig ein natürlicher Schutz vor Starkregen mit Wirtschaftspotenzial – zum Schutz für uns alle ermöglicht werden.
Es wird aktiv auf Erkenntnisse aus der Bevölkerung gesetzt. Interesse an der Etablierung von Miscanthus und oder Beobachtungen über Fließwege von Wassermassen bei Starkregenereignissen, die in Richtung der Ortsteile von Weilerswist verlaufen – idealerweise auf Ackerflächen? – Gerne teilen und schreiben an s.heidemann@uni-bonn.de
Weitere Informationen zur Pflanzung in Weilerswist-Ottenheim:
https://www.rundschau-online.de/region/euskirchen-eifel/kreis-euskirchen/miscanthus-feiert-premiere-in-landwirtschaft-im-kreis-euskirchen-1032117
Video: https://www.instagram.com/weilerswistzero/reel/DOeQIpTjOgF
Autor: Sören Heidemann




Erste Pilotfläche im Kreis Euskirchen in Weilerswist Ottenheim, zwischen hängiger PV-Anlage und Ortschaft:


ein paar Wochen und vier Monate nach der Pflanzung


